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© Benjamin Aellen

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Gewinn und Verlust, oder neulich beim Griechen
Entstanden als Bewerbungstext 2012

In der Abflughalle sitze ich an einem Tisch mit Blick auf das Rollfeld. Ich warte, nippe an meiner überteuerten Cola - und warte. Nach einiger Zeit setzt sich ein Mann mir gegenüber, während ein Flugzeug mit der hellblauen Aufschrift „Hellas Jet“ abhebt.
„Wenn diese Griechen erst mal bankrott sind, dann bin ich ein reicher Mann“, sagt mein Gegenüber plötzlich. Ich sehe ihn fragend an – „schon mal was von Ausfallversicherungen auf Staatsanleihen gehört?“ fügt er grinsend hinzu, doch auch das hilft mir nicht wirklich auf die Sprünge. „Google’s mal!“ empfiehlt er mir kurz und steht auf. Ich zücke also meinen Auswuchs der kapitalistischen Coolness im Taschenformat, wische kurz den Apfel sauber, drehe ihn um und beginne zu surfen.

Als der Mann zurückkommt sehe ich von meiner neuen Cola auf, stecke mein iPhone weg und lege los: „Hast du dir eigentlich schon mal überlegt, dass ein Wirtschaftssystem, das auf dem Spieltrieb der Menschheit beruht und eine stetig wachsende Wirtschaft vorsieht, also eine immer vorhandene, respektive stetig steigende Konsumbereitschaft der Verbraucher voraussetzt, bei Menschen ein Verhalten hervorrufen kann, welches konträr zu den im Abendland so oft propagierten Werten der christlichen Nächstenliebe steht? Dass ein Mensch also in anbetracht einer Gewinn optimierenden Anlagemöglichkeit, wie am Beispiel Griechenland, plötzlich dazu bereit sein kann, Geld auf den finanziellen Ruin seinesgleichen zu setzen, nur um seinen eigenen materiellen Wohlstand zu steigern, indem er anderen denselben entzieht?“ .

„Du willst mir damit also sagen, dass ich ein skrupelloses Kapitalistenschwein bin?“
fragt er mich und nimmt den letzten Schluck aus meiner Cola-Dose, die er während meinem Vortrag an sich genommen und genüsslich geleert hat. Ich sehe ihn stolz an und sage mit einem Augenzwinkern: „Wir verstehen uns...“ Er stellt die leere Dose vor mir auf den Tisch und fragt : „Hast du dir eigentlich schon mal überlegt, dass die meisten Krisentheorien des Kapitalismus, die den baldigen Zusammenbruch vorhersagen, daran kranken, dass sie unterschätzen, wie viele einst wertfreie Bereiche des gesellschaftlichen Zusammenlebens noch der kapitalistischen Verwertungskette anheim fallen können, um solchermaßen die Krisentendenzen durch eine quasi erneute ursprüngliche Akkumulation abzuschwächen?“
Ich sehe ihn an und frage ihn ungläubig – „Du brauchst Geld fürs Klo?“
Er antwortet mit einem Augenzwinkern: „Wir verstehen uns...“