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© Benjamin Aellen

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Die Tiefkühl-WG, oder:
Von quiekenden Pinguin-Babys und vegetarischen Eisbären

Entstanden als Bewerbungstext 2012

Terassensiedlung in der Aglomeration. Die Blumen spriessen und der Thermometer bei der Grillparty nebenan zeigt 30° Celsius – es ist Januar und die vierköpfige Familie kehrt aus ihren alljährlichen Skiferien zurück.
Mit einem lauten „Jööö“ stürzt sich die Tochter auf die ersten Mai-Glöckchen während ihr Bruder tapsig jedoch tapfer versucht, seinem Vater beim Ausräumen des Wagens zu helfen.

Schweissgebadet, da noch immer in Skianzügen, betreten sie mit Sack, Pack, Koffern, Skiern und Boards ihr Einfamilienhaus mit Aussicht. Auf einmal ruft der Vater: „Ruhe! Seid alle mal ruhig!“ Die Familie bleibt wie angewurzelt stehen.

Grabesstille.

Nein, von oben ist ein leises Plätschern zu hören, als würde jemand Wasser in die Badewanne einlassen. In diesem Moment schrillt das Telefon - nun scheint alles gleichzeitig abzulaufen:
Der Vater schreckt aus seiner Schockstarre auf und lässt Koffer, Rucksack und Skier, die er unter die Arme gepackt hält, einfach fallen und geht zum Telefon.
Jetzt klingelt auch noch die Hausglocke, der Junge rennt erfreut Richtung Türe, stolpert über das quer im Raum liegende Bretterpaar, schlägt mit der Nase auf den Boden auf und beginnt zu schreien.

Augenblicklich dreht sich der Vater um, lässt das Telefon klingeln und eilt seinem aus der Nase blutenden Sohn zu Hilfe. Während dessen öffnet die Mutter die Haustür. Ein junger Mann in weiss mit Schirmmütze und der Aufschrift „Bofrost“ steht verschwitzt mit überfreundlichem Lächeln davor.
„Ich hab 20 Packungen Fischstäbchen und 75 Kg tiefgekültes Gemüse?!“.
Bevor die erstaunte Mutter etwas antworten kann, watschelt ein mittelgrosser Pinguin im Bademantel an ihr vorbei, murmelt missmutig:
„Wurde auch langsam Zeit!“, nimmt dem Mann auf eine Stahltür zu seiner Rechten weisend eine Packung Fischstäbchen aus der Hand, „Den Rest da rein.“.
Dann ruft er mit schon vollem Mund: „Kinder, Essen ist fertig!“ Sofort purzeln drei kleine, graue, kuschelige Pinguin-Babys quiekend die Treppe aus dem Obergeschoss herunter. Mit einem lauten „Jööö“ stürzt sich die Tochter auf die kleinen Tierchen. Bevor die verdatterte Mutter etwas sagen kann steht der junge Bofrost-Mann vor ihr.
„Das macht 957.65 CHF, wenn sie es nicht Bar hier haben, lass ich ihnen gern eine Rechnung hier“, verabschiedet er sich monoton, drückt der Mutter die besagte Zahlungsaufforderung in die Hand und schliesst die Tür hinter sich. Verwirrt steht sie mit dem Zettel in der Hand da und bemerkt zu ihrem wachsenden Erstaunen, dass das ganze Haus, mit Ausnahme des Entrées, mit Schnee bedeckt ist – viel Schnee! Und es musste mindestens -10°C kalt sein, anstelle der Küche war ein Kühlraum eingebaut worden in den zuvor der junge Bofrost-Mann die grossen Mengen an Tiefkühlkost verstaut hatte.
Durch einen hohen, schrillen Schrei des Entsetzens aus dem Wohnzimmer wird sie aus ihren Gedanken gerissen. Eilig stapft sie zu Hilfe.
Es war ihr Mann gewesen. Er hatte in der Zwischenzeit den blutenden Jungen an die Stelle gelegt, an der er aus Erinnerung die Couch unter dem Schnee vermutet hatte. Doch nun hatte sich dieser Hügel zu bewegen begonnen. Als die Mutter das Wohnzimmer betritt sieht sie mit Schrecken, wie ein verschlafener, ausgewachsener Eisbär sich schüttelnd vom Schnee befreit, unter ihm kommt eine ziemlich verbeulte Couch zum Vorschein. Schützend stellt sich der Vater vor Kind und Frau, doch das verträumte Tier tapst nur gähnend an ihnen vorbei Richtung Küche – oder jetzt eben Richtung Kühlraum. Der Vater schnappt sich seine beiden Kinder und seine Frau und versteckt sie in einem Nebenzimmer unter grossen Bergen leerer Bofrost-Kartons. Als er wieder auf den Flur tritt sieht er wie der Bär mit einer Packung tiefgefrorener Erbsen genüsslich schmatzend in der Kellertür verschwindet, aus der er das Jauchzen und Platschen einer Gruppe Robben wahrzunehmen glaubt. Wütend und mit der Bofrost-Rechnung in der Hand begibt er sich ins Obergeschoss auf der Suche nach dem Pinguin. Als er jedoch die erste Tür öffnet bläst ihm ein riesiger Schneesturm entgegen. Mit aller Kraft gelingt es ihm – in jede Ritze seiner Winterausrüstung die er von den Ferien noch trug mit Schnee voll gestopft – die Türe wieder zu schliessen. Wütend stapft er weiter ins Badezimmer.
„Hehe, haste die Schneekanone gefunden?“ begrüsst ihn fröhlich quiekend der in der Badewanne sitzende Pinguin. Mit rotem Kopf hält der Vater ihm die Rechnung entgegen, der Pinguin nimmt diese, zerknüllt sie und wirft sie auf einen grossen Haufen der sich in der Toilette türmt. „Funktioniert eh nich – gefroren!“ kommentiert er seine Aktion, in der anderen Hand ein gefrorenes Fischstäbchen. „Und warum ist das Wasser in der Badewanne denn nicht gefroren?“, fragt der Vater grimmig. „Is Salzwasser...“ murmelt der Pinguin zwischen zwei bissen Fischstäbchen. „Was?“, „Oh mann eh, Bisde taub?? IS SALZWASSEEER!“, gibt das Tier forsch zurück, taucht genüsslich ein Fischstäbchen neben sich ins Badewasser und nimmt einen Biss. Der Vater baut sich neben der Wanne einen Schneehaufen und setzt sich erschöpft, verzweifelt fragt er: „Das ist ein Witz, oder?“, „Nur das mit der Toilette.“, „Was?“, „Oh mann eh...“ regt sich der Pinguin erneut auf, steigt aus der Wanne und watschelt zur Toilette: „Nur das mit der Toilette war `n` Witz!“. Er drückt demonstrativ auf die Spülung worauf ein Grossteil der Rechnungen verschwindet. Überdeutlich fügt er hinzu „IS SALZWASSEEER!“. Nun wird der Vater wütend, steht auf und schreit auf den kleinen Pinguin runter „Raus hier! Alles raus hier! Das ist mein Haus, hier wohne ich und ich will das alles nicht! Raus! Raus! Raus!!!“. Darauf hin wird der Pinguin wütend und schnarrt von unten den Vater an „ Und wohin denn bitteschön, he? Ihr denkt wohl ihr könnt die Erde einheizen wie ihr wollt ohne die Konsequenzen tragen zu müssen – aber was ist mit uns? Wir haben keine Klimaanlagen, Schneekanonen oder Tiefkühltruhen! Was meinst du denn warum wir hier sind?“ „Mann eh...!“, fügt er genervt hinzu. In dem Moment tapst vor dem Badezimmer der vegetarische Eisbär vorbei, auf seinem Rücken die beiden kichernden Kinder mit den quiekenden Pinguin-Babys, offenbar war es ihnen im Versteck zu langweilig geworden. „Siehst du? Deinen Kindern gefällt es hier...“ bemerkt das Tier als der Tross weiter den Gang runter um die Ecke verschwunden ist. Lässig schwingt er sich wieder in die Badewanne – und spritzt dabei mit einem lauten *platsch* den Vater von oben bis unten voll. „Ah – das brennt...“ schreit der auf und fasst sich ins Gesicht, Augen verdrehend meint der Pinguin genervt: „Na klaa – IS SALZWASSEEER!“. „Mir reichts!“ ruft der Vater aus, „ich ruf jetzt im Zoo an – alles muss raus!!“ Er steht schon im Türrahmen als ihn die leise, flehende Stimme des Pinguins zögern lässt:
„Nein, bitte nicht in den Zoo...“.
Der Vater dreht sich, überrascht vom plötzlichen Stimmungswandel des sonst so vorlauten Tiers um und sieht in dessen weinerliche Augen.

„Was ist denn so schlimm am Zoo?“

„Versuch dort mal ne Meeresfrüchtepizza zu bestellen...!“

© Benjamin Aellen; 2012